Das Auto hinter Ihnen

Heute Morgen ein paar Gedanken zum „Mann“ oder „der Frau“
„im Auto hinter mir“.

Ich bin mir gewiss, auch Sie fuhren schon einmal vor einem Auto.
Sehr oft ist das mit nichts verbunden, als dem ruhigen Atmen Ihrer Kinder auf dem Rücksitz, dem Morgenkommentar des Moderators aus den zitternden Sprecherboxen oder Ihrem eigenen verträumten Blick auf den Nebel und den illustrativ begleitend auftretenden Sonnenstrahlen, die ganz freundlich, von schräg unten eben diesen auflockern.
Welch adretter, netter Start in den Morgen dann.

Dann gibt es Tage, da blicken Sie zwar illustre, heiter gar aus Ihrem Scheibchen, genießen die Anwesenheit Ihrer wohlgeratenen Abkömmlinge und fahren gelassen in den Tag – doch plötzlich nehmen Sie etwas wahr. Es ist das Auto hinter Ihnen. Doch nicht die gelungene Farbwahl, die Edelheit seiner Felgen oder die verschwindend geringe Abgasemission aus dessen Hinterteil ist es, was Ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht, nein, ein Ton ist es, den sie vernehmen, geradewegs durch Ihre kuschligen Lauscher, die Sie eben noch einsetzten, um dem interessierten Kind auf dem Rücksitz den Zusammenhang von Weltleid und Weltkonsum zu skizzieren.

Es trötet Sie an.
Es klingt forsch.
Jemand im Hinterabteil, eigentlich so gar nicht dran mit, sagen wir mal, „Abbiegen“, möchte jetzt los fahren.

Sie, noch im Begriff, korrekt alle Gepflogenheiten des Straßenverkehrs zu beachten, wie en plus, sich mit den soziologisch-ökonomischen Zusammenhängen unseres Globus auseinandersetzend, begreifen, jemand ist aufgebracht; jemand hinter Ihnen ist durcheinander.
Es hat mit Ihnen zu tun.

Nun gebietet es die Achtung vor dem Leben Ihrer Neben- und Vorausfahrer wie die vor dem Gesetz, hoch lebe unsere Jurisdiktion!, wie auch der Ihnen zustehende Ermessenspielraum in die Waagschale fällt, bezüglich, „wie waghalsig schmeiße ich mich heute auf die Straße?“ einen Moment inne zu halten vor dem Schilde, das auf Ihren Nachrang hinweist, die Straße zu befahren, die vor Ihnen liegt. Es steht ja da, warnend, jeder Ungeduld trotzend und weist mit seinem Zeigefinger auf Sie, hinter Ihrem kalten Lenkrad, sich zu erinnern, was Ihr Überlebenswille Ihnen bereits abverlangte: „Warte und schaue, Mensch.“

Sie sehen, es ist eine Frau, die gerade möglicherweise Ihre Contenance verliert. Sie vernehmen ihr Hupen, blicken aber trotzdem auf die Straße und verstehen, sie ist voll, voll rasender Mobile geradewegs auf dem Weg auf die Autobahn, die noch besseres Rasen verspricht. Fast vernebelt und benommen, so scheint es in diesem Augenblick, rast diese Masse zu auf dieses Spürchen, schon von hier zu sehen, gleich rechts ab, das den Weg ebnet zu einer tollen Arbeitsstätte.

Es liegt in der Luft: diese Menschen sind dabei, sich verwirklichen zu wollen, in ihrer Arbeit und das bitte schnell!

Es hupt wieder. Sie haben nicht vergessen, wahrzunehmen, dass die Straße keine Lücken hergibt. Sie wissen aber, sie wird kommen, ihre Lücke, fürwahr, dies wiederholt sich Tag um Tag, an dieser Stelle. Es hängt mit der Ampelschaltung zusammen.

Da es wieder hupt, überlegen Sie, ob Sie der Dame in ihrem Auto hinter Ihnen irgendwie behilflich sein können, möglicherweise durch Darstellung des kleinen Zusammenhangs. Sie blicken auf den Beifahrersitz – kein Skizzenpapier zur Hand! Ob sie es so begreifen würde?
Da es wieder hupt und hier etwas zusammenfällt: die Straße ist jetzt frei, verzichten Sie auf die Erläuterung.

Sie biegen ab, fahren zu, müssen aber nach rechts blicken, auf das Auto neben Ihnen, worin etwas gestikuliert, schimpft und meutert.
Sie können nun sehen, die Dame ist wirklich aufgebracht. Das sollte ja nun auch nicht sein. Weil aber einfach noch viel zu tun ist an diesem Tag, fahren Sie weiter.

Doch im Kopf tut sich diese Frage auf: Kann man sich nicht mal unterhalten? Einfach mal einen Tag lang Sprechstunde, Thema: „Warum Sie so stark hupen mussten“ und alle vorsprechen lassen? Es würde Tee geben, man könnte sich näher kennen lernen. „Und, was treibt Sie so um, was tun Sie noch gerne?“
(Wie es weiter geht, erfahrt Ihr auf einer Lesung…)

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© 2017 Lisa Marie Binder-Raupenstrauch
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