Das schöne Leben

„Das Leben soll sich gut anfühlen.“
Denken wir bisweilen. Manche mehr, die lachen viel, manche weniger, die schauen ernst.

Kürzlich war ich auf einer Veranstaltung. Es wurde Musik gespielt. Ein propperer Anlass zum Ausgelassen-Sein.
Einige Menschen waren das. Als die Bühnen-Burschen sich munter eingespielt hatten, gerieten die Menschen unten mitunter in Ekstase. Während es aus ihren Turnschuhen dampfte, was kein Glimmstängel mehr kaschieren kann in unsrer Zeit, schüttelte eine Dame wild die Haare wie den Rumpf. Weiter drüben – eine hohe Gestalt. Ward sie so richtig mitgerissen, schnellte ihr Händchen in die Höhe. Es reckte sich, schwanesk gar, nach oben: hin und her.

Ich, für meinen Teil, wurde immer müder.
Die Zeit schritt voran, meine Glieder riefen deutlich nach dem Bette, doch der Anlass wollte ausgeschöpft werden.

Soll man gehen, wenn man müde ist? Von einem Konzert, in seinen besten Jahren? Oder, wann sind sie vorbei?

Mein Punkt ist dieser: Die Diskrepanz. Der Riss, der Momente durchtrennt; sie teilt in ein links und ein rechts. In ein so und ein so. Sie drückt sich aus, in uns Geschöpfen. Sie entwirft stets mindestens zwei Bilder des selben Moments.
Ich konnte nicht in Ekstase geraten. Was ich wahrnahm, war ein Schauspiel an Ton- und Lichtdarbietungen, das ein Parkett bot, sich zu benehmen: nüchtern und trunken, schüttelnd und kontemplativ.
Wenn nun die Grenze zwischen mir und dir, zwischen Lust und Herbheit, Extra- und Introversion gerade in dieser Gelegenheit virulent wird, die nichts dient, als der Erhebung der Geister und Gemüter, dann stellen sich die fundamentalste aller Fragen.

Soll es sich gut anfühlen, dieses Leben?
Gleich dann: welcher Grundlage genügt ein solcher Anspruch?

Viele Menschen, die ich mit dieser möglicherweise abgehobenen Idee konfrontierte, ließen deutlich ihre Missbilligung für sie erkennen.
Die Arbeit, der Fleiß, die Anstrengung und der Müßiggang müssten das Ziel sein, nur dies entspräche einer reellen Wahrheit.

Es sagen die Fleißigen, die Sorgenden – es sagen die Gurus und Anwärter auf den heiligen Schein der Erleuchtung.
Wenn nun so viele es sagen, wird nicht etwas daran sein?

Dann sind da noch diese, die das sagen, aber unglücklich sind, von Herzen. Sie halten fest an der Idee, dass das Glück die nette Dreingabe eines heiteren Zufalls ist, aber niemals zu erwarten
und keinesfalls von Dauer.

Dann bezichtigen sie selbst sich der Wohlstandsjammerei.
In anderen Fällen wird das Gejammer wegrationalisiert, da es hier jeder Berechtigung entbehrt.

Wer robust genug ist, kann lange schweigen.

Doch still, recht dezent und auf furchtlosen Pfoten, schleicht sich ein Gedanke ein. „Auf das Drumherum kann es nicht ankommen.“
So herrlich alles auch sei, um den lieben Menschen: ein Land voller Früchte, Heiterkeit und Schätze jeder Art:
manch einer sitzt darin und wird nicht froh.

Wer sich nicht aufmachen kann, für das Hübsche vor dem Fenster, kann ebenso bequem in der Kälte sitzen.
Im Innern macht es keinen Unterschied.

Unnötig, das Beispiel einer traurigen Lady Diana zu bemühen.
Erlässlich, auf Diogenes zu verweisen, welcher es sich nett eingerichtet, in seiner Tonne.

Wenn nun wirklich nichts, gar nichts, wird bleiben, wenn wir am Ende angelangt sind, dann scheint es verschwenderisch, sich an der Mühe und dem Müßiggang festgehalten zu haben.
Dann macht es Sinn, die Hingabe und Freude zuvor bedacht, sie bisweilen angestrebt zu haben.

Das Ende unseres Lebens als Konstante in unserer Gleichung berücksichtigt, kann es nur einen Zweck des Daseins geben:

die tägliche Freude, von Herzen.

Ankommen kann es nicht auf das Ziel von morgen.
Einzig relevant ist die Freude genau-jetzt.

Dies zu Ende gedacht, wird alles, was wir anzustreben versuchen, sehr verhältnismäßig. Wir können es zurück rücken, in seinen Bezugsrahmen. Darin darf es dann stehen und gut aussehen.
Das kann es selbst dann, wenn das Ziel von gestern, wenn es erlangt wurde, nicht mehr gar so attraktiv erscheint. Ein prima Rahmen hilft in der Not.

Auf die Erlangung unsrer Meilensteine per se, kann es dann nicht ankommen. Die eigenen Träume zu verwirklichen, ist keine üble Idee.
Aber diese sollten es mindestens sein.

Den Gedanken ernst genommen, wird nun eines zur Maxime:
Das tägliche Fest.

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© 2017 Lisa Marie Binder-Raupenstrauch

Für H.
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