Kreisverwaltungsreferat

Liebe Freunde,
es ist so weit. Die Prüfungssucht hat mich wieder. Ich kann es kaum erwarten, bis es los geht. Nächste Woche ist es so weit. Ich begebe mich wieder in die Stadthalle nach N.
Dort warten all die anderen Prüfungsanwärter, hui, gar nicht mal so wenige und die Amtsärzte, hui!, so gut drauf in dieser Halle. Ganz anders, als man sie sonst schon erlebte, in ihren Stuben.
Und das schenkt mir den Anlass zu sinnieren: ist es der Kontrast zur offenen Tbc, die ihnen in ihr Uffizio schwärmt ansonsten, ist es die heitere Gelassenheit, die der anmutige Bau verströmt, um sich abzugrenzen vom Exzess baulicher Hochkunst am Landratsamt selbst?

Eine Frage grundsätzlicher Dimension:

wie ist sie eigentlich gemeint, die Architektur an unseren Kreisverwaltungsreferaten?

Meine Gemeinde selbst steht unter der Gnade aller harmonischster Ausgestaltung von Rathaus und Gemeinde-Verwaltung, doch gedacht an all die Verwaltungseinrichtungen großstädtischer Genese – Geht es darum, das letzte Quäntchen Lust aus den Beamten heraus zu pressen, direkt in die Begegnung mit Recht und Bürger? Dient es gar der gut gemeinten Prüfung ihrer Gemütsstärke?

Sie, die Sie in einem Bau mittlerer Baukunstgüte zu arbeiten pflegen, wie lange bleiben Sie im Kreisverwaltungsreferat ihrer Wahl? Wirklich? Lange? Nun ja, wenn Sie es sich dort gerne bequem machen, wundert mich das auch nicht zu sehr. Die Tante meiner alten Schuldfreundin S. pflegte ebenfalls ihre Bedürfnisse nach mindestens Wärme auf die einfache Art zu stillen, den lieben-langen Tag mit der Straßenbahn durch die anmutige Stadt Freiburg im Breisgau zu fahren, bis es den sie kutschierenden Fahrern zu bunt wurde. Warum nicht auch im KVR, wenn das gut geht für Sie? Bei solchen Fragen sollte man nicht dogmatisch sein.

Es gilt die freundschaftliche Liebe meinerseits auch einer äußerst bemerkenswerten ehemaligen Kollegin aus der Zeit meiner Rechtswissenschaftlichkeit. Sie nennt einen solch oben beschriebenen Arbeitsplatz ihr eigen. Wie sie dort sitzt und denkt und schreibt und verwaltungsaktet? –
Mit einem sehr großen Schoner auf ihren Ohren. Er dient, sagt sie, erster Linie nach der akustischen Dämpfung des nervtötenden Baulärms zu ihrer Linken. Das glaube ich ihr aufs Wort. Ich frage mich nur: Weshalb Baulärm VOR der Türe? Es gäbe doch Anlass das Bauen an ihrem Schreibtisch behände zu beginnen, bevor uns der Hahn das nächste Mal sanft erinnert, an das Fortschreiten der Zeit…?
Sie wird weiter dort sitzen, wie ich sie kenne, ausdauernd und idealistisch, in den Räumen des Brauns, der Staubhaftigkeit und der Beseelung, die nur von innen zu erwarten ist.

An diesem Tag, nächste Woche, wenn ich ankomme in der Stadthalle N., wird es wieder in gehäuftem Maße um den Pneumothorax gehen. Schonmal gehört? Ein Problem, aktuell wie eh. Lese ich beispielsweise in einer Prüfung das Wort „junger Mann“ und gleich darauf folgend „Dyspnoe“ für: „quasi kaum noch Luft schnappbar“, speichelt sich mein Hirn pawgelowsch ein und die Hand zuckt schon zur Antwortmöglichkeit „Pneumothorax“. Ich kenne mich so gut aus mit dem Pneumothorax. Er ist mir zur zweiten Heimat geworden.
Passiere ich das Fußballfeld unserer Gemeinde, wo sich die Mütter und Kinder (Risikogruppe: Buben!) die Zeit vertreiben, so kann ich im Grunde nur denken, selbst wenn ich anders wollte: nachschleppende Thoraxhälfte, blass-zyanotisch, Ventil hinein, hui buh!
Wo doch vielleicht gar keiner statt finden würde, an diesem sonnigen Tag. Wobei ja gerade die sonnigen die sind.. sie wissen schon. Aus heiterstem Himmel ereilen die Schicksale den Menschen.

So weit die Lunge und die Jugend. Vom Herz, dem rechten in Verbindung mit Senior, dem Risikopatienten, gar nicht zu sprechen.
Überdies auch: Lymphknotenabsonderlichkeiten in meiner Obacht-Liste. Sind Sie müde dazu? Leistungsknick? Anämische Anzeichen? Da ist schnell eine Leukämie beisammen!
Im Grunde, da muss ich ehrlich sein, sind Sie alle schwer krank. Daran gibt es kaum etwas zu rütteln. Ich prognostiziere Ihnen aber die baldige Freude, jeden tumorösen Vorgang in ihrem Körper zum Leuchten bringen zu können. Also, nicht ich. Nein, MAN wird das tun.
Und das ist doch großartig, oder nicht? Was, wenn nicht großartig?

Stellen Sie sich vor, Ihr Hausarzt übermittelt Ihnen die zugegebenermaßen vorerst etwas holprig daherkommende Nachricht, ihre Körperzellen produzierten Neoplasien, sie hätten Krebs. Das Nette daran ist doch: wie Sie sich freuen, wenn sie doch wieder für gesund erklärt werden! Diese Freude, die hätten sie sonst ja nicht.

Ich kenne zwei Hände voll Personen aus meinem Umfeld, dem
persönlichen, die derartigen Grund zur Freude hatten.
Das hat die schier umgehauen.
Deshalb gilt es da in erster Linie einmal zu danken, den unermüdlichen Forschern, den Geistern, den faustischen, den Sponsoren, den altruistischen, die die Stange hoch halten, im Sinne der Krankheitsentdeckung.

Bei mir gerade ein akutes Beispiel entsetzlicher Krankwerdung:

Mein blondes Schwein, Meerschweindame jung, ist erkrankt. Ich habe vorerst nicht ihre Tumormarker bestimmt, ich habe sie angeschaut. Jetzt ganz einfach. So, von Angesicht zu Angesicht.
Und es geht ihr nicht gut.
Freilich, habe ich daran gedacht, die wachsenden Tumore aufzuspüren, zu verbrennen, zerhäckseln oder mit einer Laserschwertattacke auszustechen. Dann dachte ich: „mei“. Und jetzt fang ich mal basic an.

„Was ist passiert?“ – das würde der Homöopath sich fragen, während er den Hahnemannschen Geist anruft. Und das kann ich Ihnen sagen:

[Achtung: das ist mehr was für Organisations-Begeisterte unter Ihnen. Mir ist schon ganz schlecht vom Korrekturlesen dieses Abschnitts. Für tieferes Verständnis besteht die Möglichkeit, sich mit dem Thema „6.-Haus-Sonne“ oder ähnlich Schlimmem zu befassen. Siehe auch: „Astrologie“. Wenn Ihnen auch übel wird, weiterlesen im nächsten Abschnitt. Ihre Autorin. Aus Menschenliebe.*]
*Falls die Frage aufkommt: „Warum tut sie uns das dann überhaupt an?“ Das ist so: Ich kenne solche Menschen. Im näheren Umfeld. Nicht unbedingt, um sie jetzt hier bei mir auf ihre Kosten kommen zu lassen, schreibe ich solche Absätze, nee, da könnten die ja auch Ofen-Anleitungen lesen oder Stundenpläne für übernächstes Jahr, sondern, weil die sonst instantan losmeckern, da seien logische Brüche vorhanden. Who gives a …, aber: dessen will ich mich bestimmt nicht schuldig machen.

In unserem Garten befindet sich ein Stall. Dieser Stall ist versehen mit einer Rampe, welche führt in das untere Wiesen-Areal. Das linke Ende des Wiesen-Areals wurde von meinem Mann, dem tüchtigen, aufgeschnitten und mittels Drahtfädelkunst mit einem Tunnel des selben Materials verbunden. Der Tunnel führte die letzten Jahre zu einem größeren eingehegten Wiesen-Areal im hinteren Bereich des Gartens, nahe dem Areal der Hasen dieses Haushalts. Nun bestand der Boden des hinteren Wiesen-Areals nur zu Beginn aus Wiese im herkömmlichen Sinne, die Monate und Jahre im Anschluss aus Moos und Flechten und der bloßen Idee von Gras. Um diesem Zustand gebührend Respekt zu zollen und einer Neubetrachtung zu unterwerfen, wies ich meinen tüchtigen Mann an, die Chose zu reflechten und sodann das hintere Käfig-Abteil in den vorderen Teil des Gartens zu versetzen; den Tunnel bitte sehr zu verschließen, auf dass die adretten Schweinetierchen sich nicht ungeschützt im von Raubkatzen bedrohten Garten verblieben, wenn sie sich am Ende des Tunnels befänden.

Als ich am nächsten Tag gegen Nachmittag den Kompost aufsuchte, um Reste unserer Rohkostspeisen der haushaltsinternen Kreislaufwirtschaft zuzuführen, begegnete mir mein Lieblingsschwein, jung.

Was freute ich mich über den Kontakt, der sich entwickelte, just, weil es immer der rechte Moment ist, sein Schwein im Garten zu treffen.

Allerdings schien mir die Dame nicht sehr entspannt. Sie rannte, kopflos, möchte ich meinen, in Richtung Stall mit Rampe.  Ich sah, wie sie ihre Fassung beinahe verlor, über den Umstand, dass die Türe verschlossen war. Sie wollte da hinein.

Ich, für meinen Teil, agierte derart gelassen, dass ich es selbst kaum glauben konnte und öffnete die selbe, ohne den Anschein der Panik über mein Schwein in Wildnis zu erwecken. Die Dame nahm mich und mein Tun erschrocken zum Anlass (Sie müssen wissen, beinahe jede menschliche Regung erscheint unermesslich erschreckend, im Lichte eines Schweinchens), hinter die Tanne zu hechten. Ich geriet, allerdings nur mir merklich, darüber in Unruhe, mir vorzustellen, wie leicht sie versehentlich aus dem Zaun in die umliegenden Wiesen schlüpfen könnte, ohne den realistischen Hauch einer Chance, sollte sich eine Katze, nicht zu denken an einen Hund bereits geringer Größe, ihr nähern.

Meerschweinchen reagieren verblüffend eingleisig, wähnen sie sich in Gefahr. Es gibt kein Aufbäumen, keine Parade. Da ist nur das exaltierte Quieken eines bemerkenswert kleinen Tiers.

Es gibt diese unschöne Angewohnheit der Peruanischen Gesellschaft, sich einander eines Meerschweinchenpopos zu bezichtigen, wenn jemand nicht seinen Mann steht. Sehr unbefriedigend, dieser Zustand.

Zurück zu Luc:
Meine mich immer noch stark beeindruckende Gelassenheit führte im Verlauf dazu, dass mein Schweinchen, S., übrigens, sich überstürzt in den Stall flüchtete, und ich den Riegel wieder vorschob, als ihr buschiges Hinterteil über die Schwelle gerutscht war. Ich erhob mich, lief zum Ende des Tunnels und musste sehen, dass auch S. bereits wieder auf diesem Wege war, doch in ungekannter Geschwindigkeit. Trotzdem war ich es, die als erste eintraf und das Tunnelende nun verschloss, mit schwerster Gerätschaft.

Seitdem sehe ich mein Schwein leiden.
Stringent, wie mein Homöopathen-Kopf arbeitet, behandelte ich sie den Regeln homöopathischer Verschreibungskunst entsprechend, mit einem Mittel, das einen gewichtigen Punkt auf akuten Kummer legt und wartete auf ihre Genesung. Vor Augen immer mein kleines, sensibles, beinahe blümchenartig pulsatillaskes Schweinchen, wie es sich erschrocken hat, vor dem offenen Ende – dem Ende seines kleinen Reichs.

Wie viel Torheit verträgt ein Hirn?
Welch falsche Verschreibung kann man tätigen?

Als ich den traurigen Umstand der akuten Erkrankung meiner Freundin Su. anvertraue und berichtete, wie todkrank das Tier im Heimstall auf der Terrasse erscheine, doch wie erquickt und fidel im Gartenabteil und ich also beschlossen hätte, dass sie endgültig ein Mehr an Aufenthaltsmöglichkeit zu erhalten habe, erinnert mich meine Freundin an das Buch von Panama. Das, wohin Bär und Tiger aufbrechen.

Ich verstand nicht.
Und verstand dann, dass ich nun mehr verstanden hatte, als je zuvor: die wahre Botschaft also, die Janosch uns geben wollte.
35 Jahre des Nichtverstehens! Eine unerreichte Sendung. All die Male, die es vorgelesen wurde. Von Müttern und Großmüttern.

Zu Hause ist es am schönsten, findet Janosch
und findet meine Freundin. Findet nicht mein Schwein.

Wenn mir das Mittel, das homöopathische, der Freiheit und ihrer Sehnsucht nicht aus göttlicher Inspiration in den Schoß fällt, werde ich Tumordiagnostik betreiben müssen. Was auch sonst? Die Freiheit mag verschütt` gehn, mit dem Tumor sieht es anders aus.

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Für S., das liebe Schwein.
Mit freundlichsten Grüßen an meine drei Freunde aus der Geschichte.

© 2017 Lisa Marie Binder-Raupenstrauch
Die Verbreitung dieses Textes bedarf einer
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