Schreibhemmung / Ein Morgen, so jung

 

Liebes Publikum.

Kennen Sie eine Schreibhemmung?
Sie hat mich befallen. Ich krieche nur mehr dezent durch meine Räume, huste gelegentlich meinen Kindern zu und befinde mich im übrigen in der Waagrechten,
salbungsvoll bedeckt mit Selbstmitleid.
So schwummert es mir vor.

In Wahrheit ist die Realität natürlich gröber.
In dieser Wahrheit beuge ich mich meinem Schicksal. Es hat mich, wie ich Sie bereits wissen ließ, fest in seinen Klauen und hält mich kopfüber ins Bodenlose.

In den Alltag.
Und natürlich schreibe ich. Sonst müsste ich mich der Leber widmen.
Mögen Sie Leber?

Wer nun gedanklich hängt, sei an „Beruflich“ verwiesen, zur Klärung allen Mysteriums. Man scrolle und drücke hierzu in Richtung „Ehrenwertes und die Öffentlichkeit“.

Ich beginne diesen Morgen bereits aufgewühlt.
Wie kam es zur Aufwühlung?
Da mein Selbst mich treibt, auch die Bühnen der jungen Szene zu besteigen, musste ich erkennen, dass ich auszuholen habe, inhaltlich, bevor ich voraussetze, dass der geneigte Zuhörer bereits in Kontakt kam, mit dem Habitus, wie der Gelehrigkeit des eigenen Nachwuchses.

Also.
Malen Sie sie sich aus, Ihre Brut, die aktuelle oder künftige; greifen sie zu kräftigen Farben:
Sie steigt in Ihr Leben mit eigenen Plänen. Mit Projekten und Vorhaben ganz anderer Genese.

Schon mal überlegt, weshalb es nur zwei Kategorien von Eltern pubertierender Geschöpfe gibt? Mütter, die kreischen: „wir sind beste Freundinnen, wir erzählen uns alles“ und alerte, wirklich so zeitgemäße Väter, die ihre Jungs „Kumpel“ nennen, was Ihnen dann unverhofft gänsehautmäßig in den Nacken steigt?

Und dann die auf der anderen Seite, die erst mal Luft holen, bevor sie sich genehmigen, ein, zwei Wörtchen zu sagen, über die Verfassung, in der sie sich befindet, ihre werte Nachkommenschaft?
Die es dann hauchen, so bangen sie über ihren Zustand, in dem sie sich zusammen reißen, mit holder Kraft.
Oder die, die eben schon brüllen, davon, dass die künftigen Erben ausschließlich und NUR herum lägen, nichts tuend seit Wochen!, auf der einst sauberen Couch, während das Eltern-Kommitee den ganzen Tag….

Warum? Weil der Scherz des Lebens nicht die Harmoniesüchtelei ist.
Diese gehört an den Anfang.
Zum trauten Beginn der himmlischen Zweisamkeit.
Die einen einschwört aufeinander, die mitunter an den Altar führt, so rein, so weiß, so voller guter Vorsätze.
Man zeigt sich interessiert, auf fabelhaften Sitzlandschaften, frägt sich aus, zum Seelenzustande. Streichelt hier das Ego, krault dort
unter dem Kinn. Gesteht sich heimliche Sachen. –
Man fühle sich „so ungesehen“ in der Beziehung, hört man es hie
und da.
Wirklich? Jetzt schon?

Kommen die ersehnten Sprösslinge an, die lieblichen, zarten Kinderchen mit rosiger, faltiger Haut, so tun sie es mit lautem Donnerknall und werden sich, sehen sie auch nur den Schimmer einer Gelegenheit, die nächsten Jahre damit aufhalten, die Ideen und Prozesse in der sich im Aufbau befindlichen Familie auseinander zu pflücken,
ohne Mitleid, ohne Takt.

All diese, ohne Schimmer, werden zu umgänglichen, pflegeleichten Miniaturen ihren Eltern, einstellbar jederzeit ins barocke Regal, bis es dann zum Rabumms kommt, dem Showdown, der dramatischen, entscheidenden Konfrontation, dann, kurz bevor sie den Haushalt verlassen sollten, damit geistige Gesundheit wieder einkehre, in den Köpfen und den Seelen.

Oh, du plakative Schubladerei!
Kommen Sie, so ist es doch meist.

Heute Morgen nun war es so:
Meine große Tochter erwiderte auf meinen Kuss auf ihr Haupt, als ich schlaftrunken, weckergebeutelt mit der kleinen Schwester die Treppe hinauf stieg, mit einem schnöden Verweis auf ihre Schuhwahl für den vor uns liegenden Dienstag. Wie es ihr sonst so erginge, die Träume, der Schlaf, die Aussichten des Tages, sollte unbesprochen bleiben.

Sie würde die roten Plastikschuhe anziehen.
Diejenigen, die aus gesundheitlichen und ethischen, die ästhetischen Gründe ausgenommen, in unserem Haushalt nur der Gartentoberei vorbehalten, im übrigen dem Gebrauche nach untersagt waren.

Dankbar um die Ansprache, nickte ich ihr freundlich zu.
Wies sie dann knapp doch hin auf unser Regelwerk zum Schuhgebrauch, nachzulesen, jederzeit in den Statuten, verwahrt im Küchenschrank, als sie beflissentlich versuchte, mehr Bohei aus der Angelegenheit zu
machen.

Doch, sie ginge so. Ich schüttelte den Kopf.
Sie, doch.
Doch!
Sonst barfuß.
Ich: Tue das, Kind, achte auf deine zarten Sohlen, bedenke die Grobheit der Straße.
Sie: Gut, dann gehe sie nicht zur Schule, ich könne sie sofort abmelden.

Nicht neu im Geschäft, behandelte ich das Kleingeschöpf mit Waschung und Anziehbegleitung, antwortete ansonsten nur mehr in Gesten in Richtung schnaubendes Schulkind.
Charade du matin.

Das Kind, das große, verstieg sich in Trubel, verwickelte sich in Appelle und Androhungen.
Ich blieb gelassen, so gelassen.
Unerquickt durch den fruchtlosen Alleinkampf rollerte diese Tochter sodann zur Türe. Das hörte ich. Doch vernahm kein Fallen ins Schloss.
Ungeküsst blieben wir zurück.

Die Schwester witterte einen Moment, wies mich an, nachzusehen, denn die große Schwester ginge. „Die hat Dalen an! Geh raus, schau auf den Boden!“
Ohne Lust, auf die Nachteile des Überwachens, der Kontrolle, des
Stasitums hinzuweisen, erfüllt hingegen mit Interesse, ob es nun zur Schule ging, das große Kind, stieg ich aus dem Badezimmer, blickte hin zur Tür.

Da stand es noch, frisch und frei und regelrecht beschuht, die Füße in der genehmigten Sandale.
Doch ansonsten: unter-bekleidet.
So hinausrollernd, in die kalte Luft. – Weg war sie.
Vierzehn Grad auf nackter Haut. Doch mit den richtigen Schuhen!
Ich gratulierte, einfach so, hinaus ins Freie.

Wog dann einen Moment ab, Selbsterfahrung der Tochter gegen meinen Einsatz am Krankenbett und läutete beherzt am Telefon der Freundin, wohin die Tochter gefahren ward.
Lud ein, das Kind, nach Hause, zum Anziehen.
Muffig kehrte es zurück. Zog sich aber an!
Voll der Freude blickte ich hin zu ihr.
Allein, die Geschwindigkeit! Sie war so gemächlich, vermochte mir das Herz zu brechen.

Feuerte jetzt an. Hatte mich verfangen nun, im klebrigen Netze.
Trieb an, das Kind, verwies auf den Freundinnenvater, der rasch fahren musste, damit der Bus zu erreichen war und alle Menschen rechtzeitig ankämen, auf dieser Welt.

Das Kind, es zog sich an, aber so in Ruhe!
Ganz versunken schien es, in die Teilchen, die sich nun schoben über Füße, Beine und Rumpf.

Die nächste Einstellung erlaubte folgenden Blick:
Zeigte mich rennend, das Kind auf seinem Roller stehend, ich, das Gerät ziehend, hinüber zur Abfahrtsstelle, hurtig, sehr hurtig. Ich fühlte mich dabei so aufgeräumt und großartig, es ist kaum zu beschreiben.

Wie geht es Ihnen?

Überdenken Sie Ihre Pläne! Schmieden sie neue oder zementieren Sie die alten, mit Kraft und ganzem Einsatz.
Sonst vergehen sie bald, zersetzen sich wie von allein oder werden hinfort gespült von den Tränen, die da fließen aus Ihrem Antlitz.

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© 2017 Lisa Marie Binder-Raupenstrauch
Die Verbreitung dieses Textes bedarf einer
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