Hund 1

Liebe Zuhörer,

ich habe vorhin einen Text verfasst über unseren Ex-Hund. Und ich muss feststellen, er war Ihnen nicht zumutbar. Heute Nacht begab es sich, dass ich einen Traum träumte, der das Thema an die Oberfläche spülte. Daraufhin dachte ich, aufgrund des gegebenen Anlasses, über unseren Ex-Hund texten zu wollen. Allein, es wurde ein furchtbarer Text. Ich müsste Sie verstört nach Hause entlassen. Das kann ich nicht machen. Reflektierter Weise, konnte ich vermerken, dass es noch Anlass zur Trauma-Bewältigung gibt.

Nun noch einmal von vorne:
Heute Nacht, im Traum, das ist kein Kunstgriff, stand dieser Hund also tatsächlich vor mir, schwarz wie eh, kräftig proportioniert, auf seinen vier Pfoten, und sprach: „Hallo, Lisa.“ Ich schätze das nicht sehr, einfach „Lisa“. Nicht von jedermann und irgendwie, von unserem Hund, das mutete komisch an.

Der Hund und wir, das war ein nicht glückliches Arrangement. Das junge Tier verhielt sich des Tages, wie der Nacht wie ein Aufständischer. Er betrieb Guerillerismus des Tages, rollte sich des Abends in friedfertiger Manier vor die Füße meines Gatten und schiss nachts auf unseren Boden. Bevor wir es morgens fertig bringen konnten, die große Masse Exkrement zu behandeln, verschlang er sie wieder.
Der Deal war anders gemeint gewesen: Liebevolle Heimstätte für hübschen Beschützercharakter zottigen Fells, Logis und Kost erster Güte inklusive.

Das Konzept kam nicht an.
Der Hund gab mehr auf Direktheit, denn auf Diplomatie. Ich hatte in bester Absicht die Sternenschau getätigt und für günstig erachtet, doch in Abwesenheit ausreichenden Verständnisses für kindliche Auslebung des Horoskops, dieses miss interpretiert und sah mich nun in die Lage des Lernenden versetzt.
So sehr ich anbot, den höflichen Weg gehen zu wollen, der Hund ließ mich unmissverständlich spüren, dass ein Beugen für ihn nicht in Frage käme.

Die Rehabilitation meines evidenten defizitären Führungsvermögens in der Sache kam in letzter Minute. Als der Hund von uns wieder an seinen Geburtsort zurück verbracht wurde, unter unseren Tränen von Verzagtheit und Erleichterung zugleich, zeigte sich, dass auch erst drei Hunde ausgewachsenen Habitus in Person des Hundevaters, der -tante sowie der Hundemutter sich des Charakterkindes annehmen mussten. Das Schauspiel, das sich uns dann bot, als der noch junghündische Partisan aufrichtig dachte, dass auch seine Mutter an die Kandare gespannt werden könne, war von roher Wirklichkeit.

Ich musste kurz die Augen schließen, doch durfte dann bald erkennen, dass die Mutter ihr Kind am Leben ließ. Es ging ihr vorrangig um die eindrückliche sowie unmissverständliche Demonstration des Rangverhältnisses. Mir wurde endlich klar, dass ich dafür transparenterweise nicht die ausreichende Anzahl scharfer Zähne besessen hatte.
(Wie es weiter geht, erfahrt Ihr in der ersten Lesung…)

© 2017 Lisa Marie Binder-Raupenstrauch
Die Verbreitung dieses Textes bedarf einer
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