Wir fahren mit der Bahn

Großer Tag, heute, großer Tag: wir fahren mit der Bahn nach Augsburg, ich und mein Goldschatz, Anneliese. Nachdem die Schwangerschaft mit diesem Lischen mich einige Nerven gekostet hat und ich seit dieser Zeit gelegentlich vom Tatzelwurm gebissen werde, wenn ich ins Auto steige, möchte ich heute gerne völlig ungebissen und in ausgelassener Manier nach Augsburg fahren. Zugfahren ist das Größte. Neben dem Fahren mit Fahrrad und Rollschuh entspricht es wirklich sehr meinen Anforderungen an das Reisen.

Wir machen uns also in Vorfreude bereit für unseren Tag.
Es sei angemerkt, dass dies nun der intensivste Moment auf jedweder Reise ist. Es sind Fallstricke verschiedenster Natur eingebaut in das Aufbrechen mit unseren Kindern, die einen Anfänger zum Beispiel leicht zu Fall bringen könnte. Ich für meinen Teil bin ziemlich geübt in der Causa, da meine große Tochter Marie mich vieler Tests unterzogen und mich hart geprüft hat. Sie weiß mit laschen Hechten umzugehen, das weiß sie, meine große Tochter.

Die Uhr tickte also vor sich hin, die Abfahrtszeiten waren mir gewiss und die Spielräume für emotionale Entgleisungen auf der einen oder sagen wir, anderen Seite wurden nicht strapaziert. Die Schuhe, die den kalten Temperaturen zu trotzen hatten, die Jacke in weiß und rosa, der Pullover, der gar nicht kratzte oder so eng war möglicherweise an den Ärmeln, die Socken, ganz die rechte Länge, alles war genehm. Das güldene Kleid für bis zwölf Monate, das meine Tochter für den Anlass wählte, es ging über den dreijährigen hellen Schopf, ich bin ja sehr entspannt, was die Erziehung angeht.

Auf die Minute pünktlich verlassen wir unser Haus, dafür habe ich eine gewisse Schwäche. Den Umweg vorüber an der Baustelle, die uns den Zugang zum Bahnhof versperrt, wir passieren sie mit Gleichmut. Wir erreichen in der Folge die Gleise, wir warten auf die S-Bahn. Einer von uns beiden trägt ein großes Strahlen im Gesicht, es reicht von der einen Ohrseite zur anderen. In der S-Bahn dann finden wir einen sehr komfortablen Platz. Wir sind zufrieden. Zusammen betrachten wir die Felder und die monumentalen Bauten, die als Marker für die jeweiligen Stationen dienen. Nach einer kurzweiligen Fahrt, in der mein Goldschatz auch an der Station Ostbahnhof nicht die Nerven verlor, weil dort der Halt immer so lange ausfällt, kommen wir in München-Pasing an. Oh, wir sind mitten auf der Reise, das fühlt sich sehr gut an. Nun geschwind den richtigen Fahrschein am Automaten ziehen, den richtigen Zug sowie das korrekte Abteil gefunden und schon geht die Fahrt ab, nach Augsburg.

Großartig. Nach einigen Momenten verspürt mein Goldschatz einen mächtigen Hunger. Daran gibt es nichts zu widersprechen: Reisen macht hungrig! All die Aufregung und der Gegenwind!
Anneliese wählt aus unserem Proviant ein Müsli aus dem Glas, frisch aufgegossen und nun gequollen. Es wärmen sich die Reispops an den Kokosflocken und es verleiht das Erdmandelmehl der frischen Reismilch eine dezente, aber süße Note. Eine Prise Zimt obenauf und das Gericht wird zu einem Hochgenuss. Was schmeckt es ihr gut! Eine helle Freude, ich und mein Goldschatz in der Bahn nach Augsburg.
Allein, was würde ich es ihr gerne zugestehen, das löffeln auf freiem Fuße mit dem hölzernen Löffel. Nur muss ich an die guten Bezüge der Sitze denken und das freundliche Bahnpersonal, also, da kann ich diesmal nicht zustimmen. Ich löffle für sie, sie sperrt ganz bereitwillig das Mündchen auf.

Und so reisen wir. Wir sind irrsinnig froh und bald auch satt. In Augsburg-Hochzoll verlassen wir den Zug. Wir orientieren uns vor Ort und verbringen den Tag in der schönen Stadt.
Wir erleben so das eine und das andere, fantastische Architektur, gute regionale Küche, wirklich service-orientierte Mitarbeiter an allen Orten und so freundliche, zugewandte Einwohner – aber das ist ja nicht wichtig, ich möchte doch von der Heimreise mit dem Zug und der Bahn berichten, deshalb spreche ich heute hier.

Wir kamen also zu Ende unseres Aufenthalts wieder am Bahnsteig zu stehen. Es fuhren Züge in die eine und gegenüber in die andere Richtung und ich überließ meinem Goldschatz die Entscheidung, für welche er sich entscheiden mochte. Er wählte erst die eine, dann die andere Richtung und ich lobte schließlich die Wahl. Es ist immer gut, zu wissen, wo es lang gehen sollte. Mit der Bahn, aber auch ganz übertragen, im echten Leben.

Der Zug erreichte uns, wir stiegen zu. Der Wagen war wohl temperiert, ausgesprochen angenehm in seinem Klima. Wir wählten wiederum eine gemütliche Sitzreihe und genossen das Farbenspiel vor unseren Augen. Wir erblickten dieses Mal Tümpel und Enten, Rehe und Greifvögel. Die Landschaft ist wirklich sehr ausgewogen, wenn man von Augsburg nach München fährt. Auch die Mitreisenden – sehr angenehm. Meine Tochter verwechselte für einen Moment einen Passagier mit dem Schaffner, aber das stiftete keinen Unfrieden. Die Fahrkarte wurde freundlich abgeknippst und bald schon waren wir in München angekommen.

Meine Tochter wünschte sich nun, dass wir noch ein wenig essen gingen. Na, diesem Wunsch wollte ich doch entsprechen. Ich hatte allerlei großartige Ideen und wir liefen eine nach der anderen ab. Unterm Strich, so muss man sagen, fanden wir dann länger nichts, aber das machte nicht viel aus – wir behielten unsere kühlen Köpfe und die Beine waren nicht zu schwer. Nach eineinhalb Stunden dann zeigte ich meinem Goldschatz Annelieschen auf, dass ein Auffinden eines Restaurants unseren Vorstellungen entsprechend, nun sehr unwahrscheinlich geworden war und ich schlug vor, dass wir unsre verbliebenen Südfrüchte auf einer hübschen, sonnigen Wiese zu uns nehmen könnten.

Aber, was weinte mein Lieschen da! Das hatte ich ja nun nicht beabsichtigt. Es tropften die Tränen aus ihren großen Augen, sie konnte dies nicht aushalten. Oh, was tröstete ich sie. Ich wog sie fest und dabei sanft in meinen langen Armen und sie schüttelte sich und schüttete dabei ihr kleines Herz aus. Ich nahm sie fest an der Hand und suchte nach einer dieser hübschen, sonnigen Wiesen. Aber was fuhren viele Autos vorüber, es brauste und donnerte, das war keine Freude, nein. Als die Mittagsruhe vorüber war und eine Wiese einfach nicht aufzufinden, sagte ich zu Annelieschen: „Schatz, letzte, wirklich allerletzte Chance – dort drüben oder nicht.“ und was trauten wir unseren Augen nicht, als dort wirklich ein Restaurant stand, wie wir es uns ausgemalt hatten. Also wirklich, wie für uns geschaffen. Wir ließen uns nieder und genossen die Säfte und die frischen Blätter und die Saaten, ganz toll.

Nun, gestärkt in Körper und Geist machten wir nur noch einen ganz kleinen Abstecher in eine entferntere Bude auf dem Viktualienmarkt und waren dann schon recht geschwind wieder an den Gleisen, wo doch bald unsere S-Bahn einfahren würde. Unsere Bahn, unser Abteil, unsere Sitze: alles passte ganz, ganz gut. Also, fast.

Wir betraten eben die Bahn, als mein Töchterchen wie angewurzelt stehen blieb. Sie blickte zu einem Paar in neongelben Anzügen, sie schienen Dinge zu reparieren, würde ich schlussfolgern. Ich betrachtete mein Annelieschen und war gleich im Bilde. Deswegen wählte ich die Sitze den Herrschaften gegenüber, auf dass das Kind etwas zu sehen hätte, auf der Fahrt. Doch sie streubte sich, sie wollte sich partout nicht setzen. „Aber wir müssen uns doch setzen, mein Annelieschen, was hält dich davon ab, sprich!“ , bat ich mein Kind. „Neeeein!“ „Du möchtest hier nicht sitzen, richtig, mein Schatz?“ fragte ich mein Kind freundlich, doch etwas besorgt. „Neeeiiin!“

Der Herr unter dem neongelben Paar räumte sofort seinen Platz als er uns erblickte, ganz Gentleman, und bat uns, darauf Platz zu nehmen. Aber mein Schatz, er zog und zerrte mich weiter, ganz frappiert musste ich dem Herrn danken, doch weiter gehen. „Wohin möchtest Du denn, mein Schatz?“ Ich bekam keine Antwort, doch mein Kind schien sich zu beruhigen. Ich ging noch ein paar Abteile weiter mit ihm und deutete dann auf einen Platz linker Hand, uns gegenüber würde eine Dame bereits fahren. Mein Schatz deutete keinen Widerstand mehr an.

„Aber was war denn dort nicht richtig, Kind, sagst du es mir?“, fragte ich meine Tochter bittend. „Die warn blöd.“ „Aber, aber, das kannst du doch nicht sagen, da du diese Leute doch gar nicht kennst“, musste ich das neon-gelbe Paar in Schutz nehmen, das ging ja doch zu weit. „Was meinst du denn wirklich?“ „Die waren …..“ Ich konnte sie nicht verstehen. „Wie bitte?“ „….. waren die.“ „Anneliese, ich verstehe dich nicht. So sag es doch bitte ganz deutlich!“ , ermahnte ich meine Tochter nun mit etwas festerer Stimme. „Die waren HÄSSLICH.“

Also ich wusste nun auch nicht, was sagen.
Ich deutete auf den Platz hier und fragte, „aber dieser hier, der ist nun in Ordnung?“ „Ja.“ , antwortete sie. Sie deutete jetzt auf die blonde Dame, die uns gegenüber saß, „Die ist schön.“
Nun, und so fuhren wir merkwürdig angeregt nach dieser Unterhaltung zu uns nach Hause und steigen dann aus und gingen an der Baustelle vorbei und betraten dann unser Haus.
Und ich muss schon sagen, das war eine großartige Fahrt heute.

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© 2017 Lisa Marie Binder-Raupenstrauch
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