Beruflich

„Und was machen Sie so?“

Liebe Freunde. Wie oft werden wir gefragt, nach dem, was wir beruflich täten. Wie nett doch, sich auszutauschen. Gerade das „Tun“ gibt ja auf schnöd-simple Weise Anlass, ein Gespräch zu führen, was nicht immer das schlechteste ist.
Allein, bei mir ist das schwierig.

Dem einen ist das gerade recht, er tut, was er liebt.
Dem anderen ist das gerade zu dumm, er tut nicht, was er liebt.
Dem dritten ist das gar zu fad, er möchte über Fußball reden.
Dem nächsten – er möchte bleiben, in Stille.

Bei mir ist es anders. Ich würd` ja so gern tun, was ich liebe. Und was andres würd` ich gewiss nicht tun. So tu ich aber nicht das, was ich liebe, noch das, was ich nicht mag, sondern befinde mich da dazwischen.

Ich sage dann, „ja, äh, ich arbeite freiberuflich“.

Das kommt dann so verstörend heraus, dass die Leute, ganz freundlich in ihrem Ansinnen, gar nicht mehr weiter fragen. Bäh, vielleicht macht sie Bestattungen. Oder sie betreibt einen Nachtklub. Oder noch schlimmer. Sex für Randständige.
Was einem da halt so einfällt.

Es ist so: ich wollte URSPRÜNGLICH Astronautin werden. Das hielt lange an, aber meine Mutter verstand es, diesen Traum jäh mit einem „Da musst Du aber ganz gut in Physik und Rechnen sein“ zu zerschmettern, als sich langsam andeutete, dass meine Talente nicht die Algebra waren. Ich hegte natürlich meine Zweifel daran, dass nur Zahlenkünstler ins Raumschiff steigen dürften, hatte aber zwischenzeitlich ausreichend Absurdes in meinem Leben erlebt, so dass ich diesen Wunsch zu Grabe trug.

Der nächste war, und das sage ich jetzt nur hier, weil, das ist schon ziemlich intim, ich wollte bei der E.A.V. einsteigen. Klasse Gruppe, kennen Sie vielleicht noch: „Ba, ba, ba, Banküberfall“ und solche Kunstgriffe. Warum? Ganz klar: die positionieren sich, aber nicht so ganz. Eine sehr geschickte Sache. Dieses Vorgehen erlaubt es, etwas Frappierendes zu meinen, es aber in einem Liedchen zu sagen. Schon tut`s nicht mehr so weh.
Auch diesen Traum habe ich nicht wahr gemacht.
Ich bitte Sie, wie viele gute Musikgruppen gibt es? Oder Kabarettisten? Und wie groß ist der Bedarf? Eben.

Stattdessen tue ich jetzt halt etwas anderes. Ich mache Prüfungen. Ich werde das an dieser Stelle nicht ausweiten, weil, da gibt`s einen extra Text dafür, aber kurz gesagt: ich absolviere Prüfungen. Aber so, dass ich sie noch einmal machen kann.
Das mache ich jetzt schon seit vielen Jahren und ich werde gar nicht müde.

Erst habe ich mich auf juristische Gutachten spezialisiert.
Ich stieg auf den Pfad zum rechten Juristen. Niemals wollte ich Anwalt werden. Meine Vorliebe galt dem Richteramt.
Ich habe im Studium getextet, was das Zeug hielt. Meist hat es den Assistenten nicht so gut gefallen. Immer, kurz bevor ich den Niedergang meiner Rechtswissenschaftlichkeit ausrufen wollte, beim dreieinhalbsten Mal einer Prüfung oder Hausarbeit in etwa, schwang ein Dozent den Korrekturstift, der meine Gutachten wahnsinnig gut fand, die schienen ihm dann richtig Lust zu machen. Auf was auch immer… Sie zählten dann prompt zu den Perlen – Gutachtenperlen, welch Jubel. Und an dieser Stelle machte das Aufhören auch keinen Spaß.
Beim Staatsexamen dann fanden die meisten Professoren meine Texte so halb gut und die Richter nicht so sehr.

Die Krux war, die Juristen sind da so ein wenig spitzfindig. Man muss ja allerhand prüfen, in so einem Gutachten. Aber das muss man an „der richtigen Stelle“ tun. Aber ja! an der richtigen Stelle. Es hat mich immer ein wenig gereizt, diese Grenzen zu verschieben. Innerhalb dieser Prüfungsstruktur habe ich natürlich grandiose Argumentationen abgeliefert. Die waren wasserdicht. Darauf kommt es aber nicht so an, in der Juristerei.

Ich habe dann einmal ganz förmlich und in größtem Ernst meine Universitätsprüfung abgelegt. Und dann war da der Abgesandte des bayerischen Innenministeriums, ein junger Mann, von zarter Gestalt. Er hatte das neue bayerische Strafvollzugsgesetz ausgearbeitet und er schien mir ganz stolz. Er hatte so einen Blick. Ich hatte ja das Strafvollzugsgesetz vorher auch gelesen. Jetzt durften die Bundesländer SELBER eins machen. Das hab ich mir angeschaut.
Und das war an so ein paar Stellen wirklich ganz schlecht. Und dann fragt mich der Mann in der Prüfung so nach meiner Einschätzung zu seinem Gesetz. Und dann habe ich natürlich gesagt, wie ich es finde. Ich will ja nicht lügen. Ich hab`s schon so gesagt, dass es nicht unhöflich war. Er hat sich ja Mühe gegeben.
Ihm hat meine Einschätzung dann gar nicht so gut gefallen. Die Note war dann auch nicht so richtig toll. Aber manchmal muss man sich eben ein bisschen verschenken können. Gute Note gegen Aufrüttelung. Es war ja für die Sache.

Und als ich dann mein Kapitel Juristerei abgeschlossen hatte, habe ich mich zur Ausübung der Heilkunde entschlossen. Eine ganz tolle Idee. Ich machte mit Enthusismus in Kürze eine Ausbildung, die mich in den Stand hob, den vom Pfade abgekommenen Menschen wieder zur Heilung zu verhelfen. Nur reicht das ja nicht dafür, dass ich jetzt los heilen könnte. Weil, da gibt’s Gesetze.
Und die wollen sicher stellen, dass die deutsche Volksgesundheit nicht verkommt. Das klingt jetzt arg – aber so steht’s im Heilpraktikergesetz.
Und jetzt mache ich halt da meine Prüfungen.
Da gibt`s dann auch einen extra Text dazu.

Und dann fragen die Leute eben immer nach dem, was man selbst so beruflich täte.

„Und, was machen Sie so, arbeiten Sie in der Stadt?“
Und dann sage ich dann immer nicht, „Prüfungen machen“, beim Justizministerium oder beim Gesundheitsamt, weil, das wollen die doch nicht hören.

Die wollen ja wissen, womit ich mein Geld verdiene. Und das Prüfungenmachen kostet mich ja etwas. Also, das ginge ja inhaltlich am Thema vorbei.
Und dann kommt eben diese Nachtklubatmosphäre auf.

Ich schau jetzt einmal, wie ich es so mache.
Ich habe einen ganz netten Arzt, wirklich. Das ist übrigens auch der einzige, den ich habe, weil er ja der einzig nette ist. Und ich besuche ihn eigentlich auch nur mehr aus Berufsgründen. Zum Arzt gehen tue ich nicht so gerne.
Er hat mir heute wieder gerne bescheinigt, dass immer noch keine Krankheiten und Absonderlichkeiten vorliegen, die mich von der theoretisch denkbaren, in Zukunft potentiell möglichen Ausübung des Heilpraktikerberufs abhalten könnten.

Diese Bestätigung schicke ich wieder an den wirklich sehr netten Sachbearbeiter am Landratsamt, den nettesten, den ich bisher hatte. Deswegen werde ich auch bei diesem Landratsamt bleiben. Da kommt so eine heimelige Stimmung bei mir auf, gerade, wenn wir uns hin und her schreiben:

„Ein Antrag, ja, bitte!, wieder 12 Unterlagen, gerne bezahle ich, ja, Bescheid abgelehnt, zu viel Volksgesundheitsgefahr, möchten sie wieder? Ja, gerne. Wie geht`s Ihnen so? Schöne Ostern und schöne Weihnachten, guten Geburtstag und bis bald.“

Ich hab`s gern familiär am Arbeitsplatz.

Wieso, das kann ich Ihnen gerne ein anderes Mal erklären. Da erstelle ich dann einen Text über meinen Zweitberuf. Was ich da tue? Ich arbeite mit Ihren Geburtsdaten… Aber pscht.
Den kann ich doch nicht nennen, in so einem Gespräch. Die Leute wollen doch wissen, ob ich auch Beraterin bin oder bei der Versicherung angestellt oder Schreinerin. So einen richtigen Beruf können sie am leichtesten verkraften. Deswegen und auch weil mein Mann sich schon Sorgen macht, ob ich denn auf meine aussichtsreiche Karriere als Heilpraktikerin verzichten will, mache ich da schon weiter. Es lohnt sich.
Jedenfalls literarisch.

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© 2017 Lisa Marie Binder-Raupenstrauch
Die Verbreitung dieses Textes bedarf einer
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