Mann mit Hut

So geht es natürlich nicht weiter, nicht im echten Leben und nicht auf dieser Seite! Wo bleiben die Worte, was ist hier verstummt? – Niemand, liebe Freunde, lassen Sie sich von mir beruhigen. Das Texten geht weiter. Aber es wandelt sich. Die Zeit brachte einen Knall, der etwas reifen ließ. Zunächst war es der Donner, der heran rollte, mit ihm schon gleich die Entladung der Gefühle. Was folgte, war ein Text – der sich vor lauter Bosheit selbst verschlang und dann, dann kam das große Feuer. 

Ein Fieber breitete sich aus in mir, ein Fieber, an das schon nicht mehr geglaubt wurde. Aber es kam. Und es ließ zu Asche werden, was nicht länger von Vorteil war in diesem Leben. Dann loderte es aber weiter. Ließ schon ein leises Licht fallen, auf eine Idee, die doch verbrannt gewesen war…

Das Lesen von Kunst: eingestellt  hatte ich es, vor fünfzehn Jahren, mit kompromissloser Geste. Nur mehr der Sinnhaftigkeit wollte ich mich widmen – jede Minute zu kostbar, als sie zu verschwenden, an Ästhetik und Poesie – bloß noch Raum für die wesentlichen Dinge mir einräumen: dem Recht und der Wissenschaft. Sie machten sich breit in meinem Leben und wurden gelesen, bis kein Wort mehr übrig war. Das Leben unterlag einer Ordnung und das war gut: Normen und Auslegungen markierten die Richtung. Indes wurde es in mir selbst immer dämmeriger. So sehr auf der Jagd nach dem großen Sinn, preschte ich doch knapp an ihm vorüber. Zu schnell, um die Fahnen zu erkennen, die die wohlmeinenden Klabauter-Männer am Wegesrand aufgeregt schwenkten.

Doch es gibt sie – die Weisheit im Innern. Sie nahm die Sache nun in die Hand, um den unseligen Zustand zu bearbeiten. Als das Fieber vergangen war, drängte ein Gedanke mit einer Mächtigkeit in meinen Geist, den ich nicht länger hinweg denken konnte; ich schob ihn noch zur Seite, das erste Mal. Er kam daher, mit schlurfendem Gang. Sein Hut saß schief, der Blick nonchalant. Er roch ungewaschen, genierte sich nicht.

Auch ein zweites Mal wollte es mir glücken. Dann setzte er sich. Nahm Platz auf der Couch, neben mir. Ging ich an den Schreibtisch, saß er schon am Fenster. Drehte ich mich schnell fort, tippte er mir auf die Schulter. Ich hatte begriffen, es war ihm ernst. Ich hätte es zu gebären, allen Windens, allen NEINS zum Trotze: ein BUCH musste geschrieben werden.

So entsteht es nun hier, aus meinen Fingern – endlich.

Meine Finger schreiben es solcher Art, dass Kinder, ganz zarte, ganz wilde, voll ihrer ihnen eigentümlichen Lust auf das Leben, sie verstehen mögen. Denn was die Erzählung, der phantastische Gedanke, vermag, ist nichts weniger, als den Menschen zu verzaubern. Sie erinnert ihn an seinen Mut, vom besten Leben zu träumen, das man haben kann. Ist ein Gedanke erst einmal gedacht, so fügt sich leicht eines zum anderen.

Daran habe auch ich mich nun wieder erinnert. Das Nein zum Lesen von Kunst, zum Schreiben von Geschichten, es war ein größeres Nein. Jetzt durfte ich es ablegen, dem quälenden Mann mit Hut sei Dank.

Im übrigen wird dies unbedingt auch eine Geschichte für die Zarten und die Wilden, die nun groß geworden sind. Wie viel Unterschied besteht zwischen Herrn Müller, fünfzig und Herrn Müller, fünfeinhalb? Sie sehen die Haare, so schütter, die Lachfältchen um die Augen? Die Reichtümer, die ihn schneller machten und schicker, vielleicht? Sie erzählen von all dem Wissen und Erkenntnis, die sich angesammelt haben über all diese Jahre? Tun Sie das. Und dann fragen Sie ihre Mutter, ob Sie sich verändert haben, seitdem Sie sie an der Brust bebrüllten. Also WIRKLICH verändert. Sie wird lachen.

Herr Müller kam so zur Welt, wie er sich jetzt immer noch gerne hat und weswegen er sich ohrfeigen mag, wenn es wieder durch ging mit ihm. Alles, was er heute an Wesentlichem verstanden hat, wusste er zu Beginn bereits. Er bekam nur großartige Unterstützung darin, alles zu vergessen. Das Leben schien mehr von den anderen Dingen zu brauchen, damit man würde, was erstrebenswert schien. Das Wesentliche schien so hinderlich.

Was auch immer sich wandeln mag: der Seelenkern – er war schon immer er selbst.

Ich freue mich, wenn das Buch sich fertig nennt. Bis dahin freue ich mich an den Geschichten, die erzählt werden wollen. Ich freue mich, wenn das Buch dann in Ihre und Eure Hände gelangt. Und bis dahin freue ich mich über Eure Kommentare. Schreibt mir, wenn Euch die Geschichtchen hier entzücken, wenn sie Euch ein Jauchzen schenken oder zumindest die Haare zu Berge stehen lassen.

Jedes Lächeln gilt doppelt. Danke dafür.

 

2 Gedanken zu „Mann mit Hut“

    1. Das entzückt mein Herz! Das ewig lesbare Buch muss erfunden werden, eine herrliche Idee. Bald wird es so weit sein. Lässt mich an Lasse, den angehenden Drehrumdiebolzeningenieur denken, der fast einen schwenkbaren Berg erfunden hätte. Auch ziemlich toll.

      Fernschriftlich: eine zarte Umarmung.

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