Gummibär

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Oh, Du, mein Gummibär.
Ich fand dich auf der Straße liegen.
Deine Flanke auf dem harten Asphalt.
Er rieb sich ein Stück hinein in Dich.
Ich konnte Deine Abschürfungen erkennen.

Es kamen Mädchen vorbei, die ihre Händchen nach dir ausstreckten, weil sie begriffen, wer du warst.
Ich sah Großmütter, die zogen, an den Händchen ihrer Mädchen.
Und du bliebst hier. Du warst schon tot.

Aber, der Tod…?
Entwurzelt, entfesselt? Befreit vom Schicksal?

Wo kamst Du her, was war dein Weg?
Deine Bestimmung – unentrinnbare Fügung?
Konntest Du anders, zogst du es in Erwägung,
konntest du es tun, das Abweichen?
Oder warst Du Gefreiter ohne Ausflucht?

Entsendet für die Sache, Verhängnis zu bringen,
in verheißungsvoller Schau?
Dein Antlitz, voll unbefleckter Anmut.
Unter der Oberfläche jedoch sitzt der Tod.
So wurdest Du geschickt, hinaus auf`s Feld.
Niemand hatte dich gefragt.

Deinem körperlichen Entstehen ermangelte es an Natürlichkeit.
Die Spritzgussanlage verbietet Entstehungsromantik.
Trotzdem, beseelt warst du schon bald.

Wann ist er, der Moment,
in dem das Lebensfeuer entspringt
aus dem großen Geist der Unendlichkeit?
Wo kann man es finden, kennst Du den Ort?
Bist Du jetzt dort? Siehst Du Deine anderen?

Bitte, so Bär, ich bitte Dich,
geh hin zu den Meinen und grüße sie von mir.
Sag ihnen, ich verstehe ihr Schicksal nicht,
aber ich werde kommen um zu sehen.

Sag noch eins, Bär, wie ging es dir?
War er gar Zufall, dein Sturz aus der Tüte?
Oder hattest du so Großes vor,
dass du den tiefsten Fall Dir zugezogen hast,
ihn gleichsam erleben musstest?
Stolpertest du gar über dein eigenes Ich?
Oder war es der Freitod?
Deine Absage, Dich weiter zu beugen
trotz aller dir gegebenen Verbiegungskünste?
Kein Verlangen mehr, zu kämpfen?

Lieber Bär, ich bin bei Dir und den Deinigen.
Richte auch ihnen aus, die noch liegen in den Tüten,
dass die Freiheit möglich ist.
Sie entsteht im Innern.
Ebenso das Aufblühen nach dem vermeintlichen Fall.
Denke an all die Blumen, die die Kinder zupfen…
Wo die Idee ist, ist die Macht.
Wer leben will, überdauert alle gedachten Grenzen.

Nichts muss sein, wie es scheint.
Alles kann gewandelt werden.
Im Moment, da scheint es unausweichlich.
Doch sie sollen vertrauen, auf ihre Kraft, richte ihnen das aus.
Sie verleiht ihnen Schwung bis hinauf zum Mond.

Niemand kann bis auf den innersten Kern,
den Seelenkern, verbogen werden.
Was einzig gilt, ist, sich seiner zu erinnern.
Dann besteht die Macht,
das auch letzte Denkbare zustande zu bringen.

Bärchen, mein, ich wiege Dich.
Ich wünsche dir eine gute Reise,
die letzte, fort von unserer Erde.
Gehe auf in das Große und das Ganze und besinne dich auf dein Eigen.
Und wenn du wieder kehrst, so sei dir gewiss:
Es ist alles da, alles schon in dir.
Und wenn du dich deiner vergisst für einen Moment,
dann bedenke, dass das Leben es gut meint mit dir.
Es reicht dir die Hand, du musst sie nur nehmen.

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© 2017 Lisa Marie Binder-Raupenstrauch
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